„Unerwünscht!“

„Unerwünscht!“

Eine szenische Lesung aus dem  Buch „Unerwünscht!“ des spanischen Journalisten Jose Romero erinnert an die Fluchtgeschichte der Holzinger-Kinder von Stuttgart-Ost nach Ibiza und Kolumbien.

Buchvorstellung am Dienstag, 31. Januar 2017, 19:30 Uhr
in der Stadtbücherei Stuttgart-Ost
Einführung: Ulrike Heiligenstühler
Lesung: Julianna Herzberg
Musikalische Begleitung: Frank Eisele

 Der jüdische Arzt Dr. Jakob Holzinger war im Stuttgarter Osten seiner sozialen Einstellung wegen eine „Institution“. Nicht umsonst wurde nach ihm die Holzinger-Gasse beim Ostendplatz benannt. Die Kinder der Holzingers, die Geschwister Hermine, Werner und Rudi waren bereits 1933 zusammen mit Rudolf Eberle, dem Bruder von Eugen Eberle, von Stuttgart nach Ibiza geflohen. Den Eltern war die Ausreise nicht mehr möglich. Sie nahmen sich 1940 vor der drohenden Deportation das Leben.

Der spanische Journalist und Autor José Miguel López Romero hat die Geschichte der Verfolgung von auf Ibiza und Mallorca lebenden deutschen Juden recherchiert und im Dezember 2015 darüber ein Buch veröffentlicht. Er beschreibt den Versuch der Gestapo die Auslieferung der auf die Balearen geflohenen Juden zu erreichen, die weitere Verfolgung durch das Franco-Regime und ihre Vertreibung nach Kolumbien. Die Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost und die AnStifter haben das Buch auf Initiative von Ulrike Heiligenstühler, der Enkelin von Eugen Eberle, ins Deutsche übersetzen lassen, es erschien im November 2016 im Peter Grohmann-Verlag und wurde erstmals im November 2016 im Stadtarchiv der Öffentlichkeit vorgestellt.

Ulrike Heiligenstühler führte in den Abend ein:

Am Vorabend des 08.November 1940 betrat mein Großvater, Eugen Eberle zum letzten mal das Haus der jüdischen Familie Holzinger in Stuttgart Ost, in der Landhausstraße 181. Selma und Jakob Holzinger, die Schwiegereltern seines Bruders Rudolf, hatten ihn in ihren Plan eingeweiht, sich in der darauffolgenden Nacht das Leben zu nehmen. Damit sollten sie einem noch grausameren Tod durch die Nazis entkommen.So nahm mein Opa an diesem Abend, tief bewegt, die ihm zugedachten Erinnerungsstücke entgegen und verabschiedete sich mit den Worten „auf Wiedersehen“. Am nächsten Morgen erfuhr er, fast beiläufig in einem Gespräch bei der Arbeit, dass das Ehepaar Dr. Holzinger Selbstmord begangen hat.

Meine Mutter erzählt oft, wie sie als kleines Kind meinen Opa fragte: „Warum hast Du das denn nicht verhindert? Warum konntest Du sie nicht davon abhalten?“ Seine Antwort: „Ich wusste auch keine andere Lösung.“  „Jakob Holzinger“, berichtete mein Opa, „war ein kluger Mann. Er wusste, um das Schicksal, das ihn und seine Frau erwartete. Er kannte Dachau und er wollte nie wieder dorthin zurück.“ Die Kinder des Ehepaares Holzinger, Hermine, Werner und Rudy waren bereits 7 Jahre zuvor gemeinsam mit dem Bruder meines Großvaters, Rudolf Eberle über Paris nach Ibiza geflohen. Auf Ibiza, wo sie Ruhe und Frieden suchten, mieteten sie ein Haus und lebten ein einfaches Bauernleben mit Ackerbau und Viehzucht in vollkommener Abgeschiedenheit. Für Selma und Jakob  Holzinger kam eine Flucht ins Ausland jedoch nicht mehr in Frage. Sie hatten bereits einen Großteil ihres Vermögens für die Flucht ihrer Kinder ausgegeben. Ihnen blieb nur noch die Flucht in den Tod. Vermutlich tröstete sie in ihren letzten Stunden der Gedanke, dass zumindest ihre Kinder und ihr Schwiegersohn auf Ibiza in Sicherheit waren. Doch leider sollte sich herausstellen, dass dies nicht der Fall war: Das Buch „Unerwünscht“ handelt von der unerbittlichen Verfolgung der die Kinder der Familie Holzinger und andere dort lebende jüdische Familien auf Ibiza ausgesetzt waren. Von ihren verzweifelten Versuchen, dieser Verfolgung zu entkommen, wie zum Beispiel ihrer Taufen, ihrer Konversion zum katholischen Glauben, und der darauf gefolgten katholischen Hochzeit. Es handelt von der gründlichen und minutiösen Überwachung der Juden, die auf Ibiza lebten durch den spanischen Staat und von der bis dato erstmals dokumentierten Umsetzung des Anido-Himmler-Abkommens. Das geheime Abkommen zwischen General Martinez Anido und seinem deutschen Pendant, dem Reichsführer SS Himmler erlaubte die gegenseitige Auslieferung von Feinden des Landes und wurde im Juli 1938 unterzeichnet. Jeder Deutsche, der in Spanien lebte konnte beschuldigt werden ein Feind des Landes zu sein und konnte mit Gewalt nach Deutschland ausgeliefert werden. Die Gestapo hatte in Spanien die Freiheit zu tun was sie wollte. Ihre Tentakel reichten bis nach Ibiza. Letztendlich konnte diese Auslieferung nur durch die Intervention des Erzbischofs noch verhindert werden.

„Unerwünscht“ ist die bewegende Geschichte dreier aus Stuttgart geflohenen Juden und des Ehemanns von Hermine Holzinger, die sich erhofft hatten, auf Ibiza in Frieden leben zu können. Es ist eine Geschichte über ihre Flucht und Vertreibung, die sie letztendlich um die halbe Welt bis nach Kolumbien führte.
„Unerwünscht“ ist auch die Geschichte anderer deutscher Juden, die auf Ibiza Zuflucht suchten und von dort wieder vertrieben wurden.
„Unerwünscht“ ist eine Geschichte, die sich vor mehr als 75 Jahren ereignet hat. Die aber heute noch so aktuell und präsent ist wie damals.

 

 

 

 

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